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Montag, 1. September 2014

NADELSTICHE VOM KÖLNER ABWEHRMONSTER

Als ich am Freitagabend das Fernsehen eingeschaltet habe, lief auf dem voreingestellten Sportsender gerade eine Wiederholung des Champions-League Finales. Ich habe schnell umgeschaltet, aber wenn ich dabei erwischt worden wäre, wäre sofort wieder der Spruch gekommen: Jaja, grade in der Bundesliga zurück und sofort wieder von der CL träumen. Dabei sollte es eigentlich inzwischen auch dem Letzten klar geworden sein, dass der größte Teil der FC-Fans sich spätestens vor zwei Jahren im Mai endgültig von derartigen Phantastereien abgewandt hat. Aber irgendwie ist diese Einschätzung besonders aus den Köpfen von Kommentatoren, Berichterstattern und Moderatoren nicht rauszukriegen. In Wirklichkeit habe ich aber umgeschaltet, weil ich mal in die Zweitliga-Spiele reinschauen wollte. War ganz nett.
 
Hut ab vor dem FC
 
Als ich am Sonntagnachmittag (oh, da fällt mir auf, das ist der gleiche Anfang wie im ersten Abschnitt, egal, bleibt jetzt so) wegen eines Fotojobs beim Feuerwehrfest im Nachbarort war, habe ich nebenbei den Satz aufgeschnappt: „Luur ens, watt der am jrinse ess.“ (Für die vielen Blog-Leser, die mit der Sprache aus dem rheinischen Universum nichts anfangen können, hier die Übersetzung: Schau mal, wie der grinst). Das Grinsen hatte sich am Samstag um 17.15 Uhr in meinem Gesicht breit gemacht und sich hartnäckig das ganze Wochenende über gehalten – da war nix gegen zu machen. Dass der FC in Stuttgart nicht chancenlos wäre, war sicher keine exklusive Meinung der Geißbock-Fans, aber wie der Sieg eingefahren wurde, das haben bestimmt nicht alle erwartet. Thomas Strunz, bekannterweise nicht unbedingt Köln-Supporter, hat später auf Sport 1 die überwiegende Einschätzung der Fachleute wiedergegeben: „Da kann man nur den Hut vor ziehen, so aufzutreten.“ Das hört man doch gerne. Das krasse Gegenteil liefern die Stuttgarter Nachrichten: „Der eher biederen Elf aus der Domstadt genügte eine solide Abwehrleistung, ...“. Nun ja, dann sollen die das halt so sehen. Wenn der Verfasser das lokale Team im weiteren Verlauf als „gruppendynamisches Trümmerfeld, übersät von nie aufgearbeiteten Erwartungen und Enttäuschungen“ einstuft, darf man ihm ohne Häme empfehlen, sich den Weg des biederen FC einmal etwas näher anzusehen. In der Domstadt haben Clubführung, Mannschaft und Fans gemeinsam das geschafft, was dem VfB offenbar noch bevorsteht.
 
Vorige Woche habe ich noch geschrieben: „Mit einem guten 1:1 wäre ich auch zufrieden.“ Mit dem von Adam Matuschyk angekündigten Dreier bin ich es – wen wundert's - noch mehr. Bei aller Freude über den Sieg werde ich jetzt nicht der Versuchung erliegen, die beliebte Kicker-Stecktabelle deutlich sichtbar ans Fenster zu hängen. Die kleinen Vereinswappen werden schön an ihren Platz gesteckt und dann wird das Faltblatt wieder zusammengeklappt und zurück auf den Zeitungsstapel gelegt. Offen an die Wand gehängt wird das Teil frühestens dann, wenn nicht jedes Ergebnis gleich Riesensprünge von sechs bis neun Tabellenplätzen mehr bewirkt, und das ist vor dem 10. Spieltag kaum zu erwarten. Und der FC muss dann immer noch über dem 16. Tabellenplatz stehen.
 
Gut gemacht, Dr. Felix Brych
 
Über Schiedsrichter wird fast nur geschrieben oder geredet, wenn es um Fehlentscheidungen geht – hat's ja auch genug von gegeben. Ich gebe zu, dass ich das oft auch so mache. Aber diesmal muss ich unbedingt ein dickes Lob an Dr. Felix Brych los werden. Als die Stuttgarter eingesehen haben, dass sie an diesem Tag einfach nicht die Mittel hatten, die FC-Abwehr zu knacken, haben sie sich vor lauter Verzweiflung immer wieder mal hingeschmissen – bevorzugt im oder in der Nähe des Strafraums. Schiri Brych hat den nahtlosen Übergang der mentalen in die körperliche Schwäche genau richtig erkannt und den Bodenkontakt von Ibisevic oder Gentner nicht in ursächliche Verbindung mit einem Körperkontakt eines Kölner Spielers gebracht. Danke, Dr. Brych. Niedlich waren in der Halbzeit übrigens der verletzte Neu-Stuttgarter Daniel Ginczek und Timo Hildebrand als Interview-Partner. Hildebrand freute sich darüber, dass der VfB deutlich mehr Ballbesitz hatte – Herzlichen Glückwunsch dafür – und Ginczek verweigerte auf die Frage, was er seinen Mitspielern raten würde, um das Spiel noch zu drehen, die Antwort: „Ich möchte den Gegner jetzt nicht zu sehr aufbauen.“ Das ist mal 'ne echte Aussage.


Max Günter Jagodzinska
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